Frei nach Hölderlin


Für eine sich über mehrere Wochen hinweg erstreckende Hausaufgabe im Fach Deutsch einer 9. Gymnasialklasse hatte meine Nichte sich des Themas "Liebesgedichte im Wandel der Zeiten" angenommen. Dafür stellte sie einen zeitgenössischen Autor - nämlich mich - einem Autor aus der Zeit der Romantik gegenüber, Friedrich Hölderlin. Zu diesem Zweck bat sie mich, eines von Hölderlins Liebesgedichten in heutige Sprache zu übersetzen. Was dabei herausgekommen ist, hat mich selbst überrascht. Jedenfalls etwas, das ich nur noch als "sehr frei nach Hölderlin" bezeichnen konnte.

                                         An Lyda

                                           Friedrich Hölderlin


Trunken, wie im hellen Morgenstrahle
Der Pilote seinen Ozean,
Wie die Seligen Elysens Tale
Staunt ich meiner Liebe Freuden an,
Tal‘ und Haine lachten neugeboren,
Wo ich wallte, trank ich Göttlichkeit,
Ha! von ihr zum Liebling auserkoren,
Höhnt ich stolzen Muts Geschick und Zeit.

Stolzer ward und edler das Verlangen,
Als mein Geist der Liebe Kraft erschwang,
Myriaden wähnt ich zu umfangen,
Wenn ich Liebe, trunken Liebe sang,
Wie der Frühlingshimmel, weit und helle,
Wie die Perle schön und ungetrübt,
Rein und stille wie der Weisheit Quelle
War das Herz von ihr, von ihr geliebt.

Sieh! im Stolze hatt ich oft geschworen,
Unvergänglich dieser Herzverein!
Lyda mir, zum Heile mir geboren,
Lyda mein, wie meine Seele mein,
Aber neidisch trat die Scheidestunde,
Treues Mädchen! zwischen mich und dich,
Nimmer, nimmer auf dem Erdenrunde,
Lyda! nahn die trauten Arme sich.

Stille wallst du nun am Rebenhügel,
Wo ich dich und deinen Himmel fand,
Wo dein Auge, deiner Würde Spiegel,
Mich allmächtig, ewig an dich band!
Schnell ist unser Frühling hingeflogen!
O du Einzige! vergib, vergib!
Deinen Frieden hat sie dir entzogen,
Meine Liebe, tränenvoll und trüb.

Als ich deinem Zauber hingegeben
Erd und Himmel über dir vergaß,
Ach! so selig in der Liebe Leben,
Lyda! meine Lyda! dacht ich das?

An Erwin                                          

Gunda Jaron - sehr frei nach Hölderlin        


War vor Liebe wie besoffen,

doppelt grün schien Baum und Strauch,

seit ich diesen Mann getroffen,

und es kribbelte im Bauch.

Nur weil er mich auserkoren

für die Leidenschaft zu zweit,

fühlt' ich mich wie neugeboren,

wichtiger als Raum und Zeit.

 

Hätt' vor Freude jauchzen, singen

mögen, dank der Liebe Kraft.

Hätt' die ganze Welt umschlingen

mögen - samt der Nachbarschaft.

Was mein Leben je beschwerte,

Ängste, Sorgen, Not und Schmerz,

schwand, weil Erwin mich begehrte,

und mir wurde leicht ums Herz.

 

Immer, ewig und drei Tage

würden wir zusammen sein,

das stand für mich außer Frage,

Erwin, du mein Schätzelein …

Doch die Zeit kennt kein Erbarmen:

Abschied ist ein hartes Wort.

Händchenhalten-und-Umarmen

ist vorbei, denn ich muss fort.

 

Dort, wo einst, vor vielen Stunden

wir uns trafen, du und ich,

drehst du nun allein die Runden,

und bist traurig sicherlich ...

Unsre Zeit war nicht von Dauer.

Endlos“ stand nicht auf dem Plan.

Bitte, Erwin, sei nicht sauer,

hab' ich dir auch wehgetan.

 

Als du mich mit deinem Werben

fast um den Verstand gebracht,

dass ich glatt geglaubt zu sterben,

Erwin, hätt' ich DAS gedacht?